Autismus ist eine komplexe und vielgestaltige neurologische Entwicklungsstörung. Diese zeigt sich u.a. durch ein reduziertes Interesse an sozialen Kontakten sowie einem reduzierten Verständnis sozialer Situationen. Im Berufsbildungswerk (BBW) Stiftung ICP München bilden wir etwa 30 junge Menschen mit ASS aus. Seit 2020 sind wir Mitglied im Autismus Kompetenznetzwerk Oberbayern (akn).

Ausbildung mit Asperger-Syndrom

Sebastian H. macht hier eine Ausbildung zum Fachpraktiker Medientechnologie Siebdruck. Wenn man sich mit ihm unterhält, hat der höfliche junge Mann häufig einen Radiergummi oder anderen Gegenstand in der Hand: „Bei mir wurde das Asperger-Syndrom festgestellt. Der Gegenstand in der Hand gibt mir Halt, das Gefühl von Sicherheit und von etwas Vertrautem. Meine Kindheit und Schulzeit waren nicht immer einfach. Ich merkte früh, dass ich irgendwie anders war und wenn die Kinder Dinge anders machten, als ich mir vorgestellt hatte, wurde ich auch mal wütend. Fälschlicherweise stellte man da die Diagnose ADHS. Doch meiner Oma fiel auf, dass bei mir immer alles seinen Platz haben und perfekt sein musste und die Ärzte fanden heraus, dass ich eine Form der Autismus-Spektrum-Störung habe.
Während meiner Ausbildung half es mir, dass ich wusste, warum ich anders bin und vor allem, ich akzeptiere es jetzt. Es gehört einfach zu meinem Wesen, dass mir Ordnung wichtig ist und ich mir über Alltagssituationen einfach sehr viele Gedanken mache („overthinker“). Im BBW nutze ich das Angebot des Sozialkompetenztrainings. Es hilft mir zu sehen, dass ich nicht alleine bin und wie vielschichtig sich die ASS ausprägen kann. Früher war mir ein strikter Tagesablauf sehr wichtig, mittlerweile kann ich es etwas lockerer sehen. Der innere Zwiespalt ist mein täglicher Begleiter. Es gibt Situationen, in denen ich mich durchsetze und in anderen Situationen habe ich gelernt, dass es für mich stressfreier ist, wenn ich mich an die Strukturen der anderen anpasse oder ihre Verhaltensweisen imitiere. Die Ausbildung als Fachpraktiker Medientechnologie Siebdruck macht mir sehr viel Spaß, da ich hier kreativ sein kann und mit so vielen unterschiedlichen Materialien und Geräten arbeite.“

Förderung durch autismusgerechte Ausbildung

Die Ausbildung im Siebdruck-Bereich ist bei den jungen Menschen mit ASS besonders beliebt. C. Ahrens, Ausbilder der Druck- und Medienabteilung: „Autismus ist keine Krankheit, sondern eine neurologisch bedingte Wesensart. Wie jeder Mensch ist auch jede Person mit Autismus unterschiedlich und wir gehen individuell auf die Auszubildenden ein. Die Ausbildung findet nach Möglichkeit in kleinen Gruppen statt. Wir versuchen, eine weitgehend reizarme Atmosphäre zu schaffen und in Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Fachdienst individuelle Pausen und Auszeiten einzuplanen. Wir stehen mit Kooperationsbetrieben für Betriebspraktika in engem Kontakt und unterstützen diese bei Fragen zur autismusgerechten Ausbildung. Die späteren Vermittlungschancen unserer Teilnehmenden mit einer ASS sind ebenso gut wie die der anderen Auszubildenden. Aus unserer Abteilung befindet sich ein Auszubildender in einer verzahnten Ausbildung, ein weiterer konnte nach seiner Abschlussprüfung 2022 an eine Siebdruckfirma vermittelt werden.“

Gezielte Unterstützung durch das Sozialkompetenztraining

Im BBW bieten wir Sozialkompetenztrainings (SOKO), speziell für Auszubildende mit ASS, aber auch in gemischten Gruppen an. Ausbildungsbegleitend können sich die Teilnehmenden in den wöchentlichen Terminen unter Anleitung der Sozialpädagogin C. Weber austauschen. Im Mittelpunkt stehen Übungen zur Kommunikation und zum sozialen Umgang mit Mitmenschen, wie z.B. die Themenkomplexe Konflikte, Kritik, Teamfähigkeit, Kommunikation, Umgangsformen. Zunehmend werden von den Teilnehmenden aber auch selbst Themen einbracht wie z.B. Chancengerechtigkeit, Leistungsdruck, Nein-Sagen-Können, Liebe, Disziplin, Regeln-Einhalten, Ängste usw. C. Weber: „Mit den Übungen bieten wir Unterstützung in der Kommunikation für den Arbeitsalltag. Wir versuchen bei dem Training, individuell auf die Besonderheiten und Interessen der Teilnehmenden einzugehen.“ Dann fügt sie hinzu: „Im Umgang mit Menschen mit ASS ist es wichtig zu verstehen, dass sie eine andere Wahrnehmungsverarbeitung, andere Denk- und Lernstile und eine andere Art der sozialen Interaktion und Kommunikation haben. Manchmal erwische ich mich dabei, eigene bzw. gesellschaftliche Verhaltensmuster zu hinterfragen.“

Weitere Erfahrungsberichte unserer Auszubildenden findest du hier

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